Neuer Bundestrojaner bald einsatzbereit

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23.02.2016

Neuer Bundestrojaner bald einsatzbereit

Birgit Stöger

Das von Thomas de Maizière (CDU) geführte Bundesinnenministerium hat die Freigabe für den sogenannten »Bundestrojaner« erteilt. In wenigen Wochen soll die Einsatzgenehmigung erfolgen. Das vom Bundeskriminalamt (BKA) in Auftrag gegebene Ermittlungsinstrument, im Kern eine hocheffiziente Spähsoftware, soll zukünftig Mobiltelefone und Computer von Verdächtigen heimlich überwachen und insbesondere bei der Terrorismusbekämpfung zum Einsatz kommen.

Verteidigungsminister Thomas de Maiziere (CDU, r.) Foto: Oliver Lang dpa (zu dpa 0960 "Abzug aus Afghanistan: De Maizière wartet ab" vom 18.09.2011)

Verteidigungsminister Thomas de Maiziere (CDU, r.)
Foto: Oliver Lang
dpa (zu dpa 0960 „Abzug aus Afghanistan: De Maizière wartet ab“ vom 18.09.2011)

2008 hatte das Bundesverfassungsgericht die bisherige Regelung zur eingesetzten Überwachungssoftware im nordrhein-westfälischen Landesverfassungsschutzgesetz zur Online-Durchsuchung gekippt und an engere Regelungen geknüpft.
Die deutschen Behörden waren zudem verpflichtet worden, den neuen Bundestrojaner selbst zu entwickeln, nachdem bei zuvor verwendeten Lösungen kommerzieller Anbieter massive Sicherheitsmängel und ein großes Missbrauchspotenzial dokumentiert worden waren.

Das heimliche Ausspähen der Computerfestplatte sei nur zulässig, »wenn tatsächliche Anhaltspunkte einer konkreten Gefahr für ein überragend wichtiges Rechtsgut bestehen«, hieß es im betreffenden Urteil. Computer seien inzwischen in Bezug auf Menschenwürde und Persönlichkeitsentfaltung ein »elementarer Lebensraum«, in den der Staat nur unter besonderen Voraussetzungen eingreifen dürfe. Diese sei gegeben, wenn Gefahr für Leib und Leben oder Straftaten gegen den Bestand des Staates vorliegen. Und auch hier müsse solch ein Eingriff bei Verdachtsmomenten vorher von einem Richter genehmigt werden.

CCC bezweifelt die Begrenzung des »BKA-Trojaners«

Acht Jahre später geht die Spähsoftware des BKA nun wieder an den Start. Eigentlich hätte der Trojaner bereits im Herbst 2015 zur Verfügung stehen sollen. Jedoch waren bei der nun in staatlicher Hand befindlichen Entwicklung Probleme aufgetreten. Die technischen Softwaretests seien nun aber abgeschlossen, das Programm könne jederzeit zum Einsatz kommen, wenn die Voraussetzungen erfüllt seien.

Der nun fertiggestellte Bundestrojaner ist nach Angaben der Behörden nur für die sogenannte Quellen-Telekommunikationsüberwachung (Quellen-TKÜ) gedacht. Dabei werden Kommunikationsinhalte wie etwa E-Mails, Instant Messages oder Internet-Telefonie (auch Voice over IP oder auch VoIP-Telefonate) direkt auf dem Rechner des Verdächtigen abgegriffen, bevor diese während der Übertragung verschlüsselt werden können.

Nicht geplant sei der Trojaner-Einsatz für Online-Durchsuchungen, wo direkt auf dem Rechner des Verdächtigen nach Dateien gesucht wird. Diese Art des Ausspähens wurde ja 2008 vom Bundesverfassungsgericht untersagt, es sei denn, es seien »überragend wichtige Rechtsgüterbedroht«.

Ob der neue Bundestrojaner tatsächlich nur über die Funktionen zur »Quellen-Telekommunikationsüberwachung« verfügt, die er laut dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts haben dürfte, bezweifelt Falk Garbsch vom Chaos Computer Club (CCC). Denn die Einhaltung der Vorgaben lasse sich schwer nachweisen.

Erschreckendes Ergebnis

Der CCC, ein deutscher Verein von Hackern mit zirka 5500 Mitgliedern, hatte maßgeblich zum Aufdecken der massiven Schwächen beim alten Bundestrojaner beigetragen. CCC hatte sich ab 2008 mit dem Bundestrojaner und dessen Einsatzbereich der Internet-Telefonie beschäftigt. Da Telefongespräche auch über das Internet geführt werden können, wurde eine Version des Staatstrojaners geschaffen. Dieser soll in der Lage sein, ausschließlich diesen Teil des Internet-Datenverkehrs zu belauschen.

CCC wollte 2011 wissen, ob die modifizierte Schnüffelsoftware den neuen rechtlichen Verpflichtungen nachkam und sich auf das Abhören der Internet-Telefonie beschränkt. Dazu hatteder Verein einen Trojaner analysiert, den eine bayerische Polizeibehörde nutzte. Das Ergebnis war erschreckend.

Laut CCC waren die untersuchten Trojaner nicht nur in der Lage, höchst intime Daten auszuleiten, sie boten auch eine Fernsteuerungsfunktion zum Nachladen und Ausführen beliebiger weiterer Schadsoftware. Aufgrund von groben Design- und Implementierungsfehlern seien außerdem eklatante Sicherheitslücken in den infiltrierten Rechnern entstanden, die auch von Dritten ausgenutzt werden konnten.

Nach Ansicht der Hacker-Vereinigung sei es nicht möglich, die staatliche Späh-Software wirksam auf die Quellen-TKÜ zu beschränken. »Die prinzipielle Unterscheidung zwischen einem Trojaner, der nur Kommunikation ausleiten soll, und einem, der generell auch zum Beispiel zur Raumüberwachung geeignet ist, ist nicht zu treffen«, so Frank Rieger, Sprecher des CCC gegenüber dem Deutschlandfunk, »Letzten Endes ist ein Trojaner, der, sagen wir mal, Skype abhören soll, ein Raumüberwachungstrojaner, der zufällig nur dann angeht, wenn Skype gerade läuft. Technisch gibt es da keine großen Unterschiede.«

Es ist problematisch, wenn »der Staat zum Hacker« wird

Die Genehmigung dieser Spähsoftware müsse zurückgezogen werden, solange nicht unabhängige Fachleute ihren Code darauf untersucht haben, ob damit wirklich nur Telekommunikation abgehörtwerden kann, oder auch private Daten ausgespäht werden können. So lautete die Forderung des Sprechers für Datenschutz der Piraten, Patrick Breyer. Laut Breyer würden die Piraten solche »Staatswanzen«, die tief in das Privatleben eingreifen, ohnehin generell ablehnen.

Der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) mahnte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk (DF), dass die Verfassung trotzdem respektiert werden müsse und nicht jeder Zugriff auf die Privatheit erlaubt werde. Die Verfassung erlaube nicht, dass in dem hochsensiblen Bereich des Computers alle möglichen anderen Informationen neben der sogenannten Quellen-TKÜ mit erfasst würden, so der FDP-Politiker im DF-Gespräch weiter.

Den Bürgern müsse dargelegt werden, dass das BKA respektiere, dass bei dieser Gelegenheit nicht auch sonst noch der Nutzer am Rechner überwacht werde. Doch das sei zweifelhaft, so der FDP-Politiker. Es sei problematisch, wenn »der Staat zum Hacker« wird.

 

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