NDR

Das Internet spielt für die Radikalisierung von Jugendlichen eine große Rolle. Im Selbstversuch hat eine Panorama 3-Reporterin ausprobiert, wie schnell man in den Sog der Extremisten gerät. Zwei Wochen ist sie unterwegs in sozialen Netzwerken. Im Gespräch mit radikalen Islamisten. Sie will herausfinden, wie sich junge Menschen über das Internet radikalisieren. Wie genau läuft so etwas ab? Angefangen hat es mit einer Begegnung: Die Reporterin hat Dominic Schmitz getroffen, einen ehemaligen Salafisten.

Wie im Gefängnis hat er sich gefühlt, wie ein Roboter, der nur ausführt, was er gesagt bekommt. Er war Salafist. Der junge Mann aus Mönchengladbach wuchs in schwierigen Familienverhältnissen auf, wurde introvertiert, traurig. Sein Fachabitur brach er ab, lebte in den Tag hinein, sah keinen Sinn mehr im Leben.

Dann kam er über einen Bekannten zum Glauben. Man sagte ihm, das sei der Islam, wie er vor 1.400 Jahren offenbart wurde. Dass es sich dabei um Salafismus, einer radikalen Strömung im Islam, handelt, war ihm nicht klar, sagt er heute. Endlich fand er Antworten – zum Beispiel auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. „Ich hatte endlich wieder eine Tagesstruktur, habe fünf Mal täglich gebetet, Brüder gefunden, die mich aufgenommen haben“, erzählt  Dominic Schmitz. Er hat Kontakt zu den Salafisten-Predigern Pierre Vogel und Sven Lau. Er erzählt, dass er auf die Initiative von Sven Lau hin Videos über den Glauben für den YouTube-Kanal der Moschee erstellt.

Radikalisierung über das Internet

Dominic Schmitz ist in den sozialen Netzwerken auch selbst präsent, gründet seinen eigenen YouTube-Kanal. „Das Ziel war Missionierung. Es gab viele Klicks, daran haben wir den Erfolg fest gemacht“, sagt er rückblickend.

Das Internet sei für die Radikalisierung von Jugendlichen sehr wichtig, sagt Götz Nordbruch von der Beratungsstelle ufuq.de: „Salafisten haben im Internet die Deutungshoheit erlangt. Sie prägen die Diskussion. Wenn Jugendliche Fragen zur Religion haben, ist es sehr einfach übers Internet nach Antworten zu suchen. Das Internet ist ein wichtiger Faktor für den Zugang in die Szene.“

Quelle: NDR- ARD

Quelle: NDR- ARD

„Man ist eigentlich kein Mensch mehr“

Dominic Schmitz war Salafist. Mit Panorama 3 spricht er über den Islam und sein Leben in der Parallelgesellschaft. Er konnte sich dem Sog des Salafismus entziehen. Video (05:01 min)

Ein Sog, der sich ausbreitet

Das will ich ausprobieren. Ich erstelle mir unter falschem Namen einen Account bei Facebook. Orientiere mich dabei an dem, was mir Dominic Schmitz erzählt hat: Ich bin 18 Jahre alt, frage mich, warum es in der Welt so viel Krieg und Gewalt gibt – und suche einen Sinn in meinem Leben. Schnell komme ich auf die Facebook-Seite des Salafisten-Predigers Sven Lau und auf die Seite „Die wahre Religion“, die auch die sogenannten Lies-Stände zur Koranverteilung organisieren. Es dauert nicht lange, und ich werde angeschrieben. Es beginnt mit einfachen Fragen zum Islam, die ich jederzeit stellen darf.

Ich habe den Eindruck, meine Chatpartner nehmen sich sehr viel Zeit für mich. Ich frage, warum:

A: Wieso hilfst Du mir?
B: Für beide von uns ist Nutzen und Belohnung dabei 🙂
A: Wie meinst du das?
B: Ich helfe dir und gleichzeitig belohnt mich Allah dafür. Du wirst belohnt, weil Du den Islam verstehst.

Ein Belohnungssystem, von dem mir auch Dominic Schmitz bei unserem Interview erzählt hat. Es sei seine Pflicht gewesen, andere Muslime oder Ungläubige zum – wie er dachte – „den wahren Islam“ zu bringen. Die Belohnung dafür folgt im Paradies.

Ich bekomme Anweisungen, wie ich mich zu verhüllen habe, Musik und Schminke sind ab sofort tabu. Immer wieder erhalte ich Freundschaftsanfragen: Von Frauen, die sich komplett verhüllen, teils mit Waffe darstellen und von Männern, die offenbar ihr Kämpferimage pflegen. Ich habe viele Fragen über den Alltag in Syrien. Meine Chatpartner beantworten sie mir gerne. Einer schreibt mir, die Raketen, die dort einschlagen, seien wie „Tickets ins Paradies“. Der Tod in Syrien sei zumindest nicht sinnlos.

Quelle: NDR - ARD

Quelle: NDR – ARD

Chatten mit den Gotteskriegern

02.02.2016 14:00 Uhr
NDR//Aktuell

Islamisten im Syrien und im Irak werben ganz gezielt auch junge Frauen in Europa an. Eine NDR Reporterin hat einen Selbstversuch gemacht und wurde schnell angeschrieben. Video (01:48 min)

Pflicht, nach Syrien zu kommen“

Eine junge Frau aus Deutschland, die gerade in Syrien ist, schreibt mir, der Alltag dort sei besser als in Deutschland. Sie könnte ihren Glauben leben, sich um Kinder kümmern und mit anpacken. Ein Mann, der aus Deutschland nach Syrien gegangen ist, schreibt mir: „Für jeden Muslim ist es Pflicht zu kommen“. Er erklärt mir, dort seien viele deutschen Frauen, Sorgen brauche ich mir nicht zu machen. Und er sagt auch: „Wenn Du willst, schaffst Du es in einem Tag von Deutschland nach Syrien.“ Er erklärt mir die Route, warnt mich immer wieder, niemandem etwas zu erzählen.

B: Hier sind viele deutsche Frauen. Ich bringe Dich zu ihnen. Vertrau mir.
A: Wann kann es losgehen?
B: Wenn du bereit bist. Sag niemandem etwas.
A: Wie komme ich dahin?
B: Flugzeug, Bus, danach zu Fuß.
A: Wann kann es los gehen?
B: Schnell.

Ich frage mich, wenn ich wirklich 18 Jahre alt wäre, wie sehr hätte diese Ideologie mich dann in ihren Bann gezogen? Würde ich jetzt heimlich meinen Abschied vorbereiten?

Romantisierter Alltag

Wer einmal radikalisiert ist, der traut persönlichen Kontakten vor Ort mehr als den Medien, so der Wissenschaftler Nils Böckler. Quelle: NDR - ARD

Wer einmal radikalisiert ist, der traut persönlichen Kontakten vor Ort mehr als den Medien, so der Wissenschaftler Nils Böckler.
Quelle: NDR – ARD

Ich zeige dem Bielefelder Wissenschaftler Nils Böckler die Chatverläufe: „Das zeigt, wie wahnsinnig schnell man in bestimmte Kreise hereinkommen kann“, sagt er. Die Freundesliste meiner Chatfigur sei sehr vielfältig, umfasse das politisch salafistische Spektrum, den dschihadistischen Bereich sowie Kontakte nach Syrien. Wer einmal radikalisiert sei, werde den persönlichen Kontakten vor Ort in Syrien mehr Glauben schenken als Berichten in den Medien. So werde der Alltag in Syrien romantisiert. Die persönliche Ansprache spiele dabei eine wichtige Rolle, erklärt Böckler. Der Rekrutierer funktioniere als Bezugsfigur, die sich interessiere, Sicherheit gebe, den Rücken stärke. „Er ist der soziale Beweis, der dem Jugendlichen sagt: Du kannst es auch schaffen. Ich habe es auch geschafft.“

Dominic Schmitz konnte sich dem Sog des Salafismus entziehen. Während ein ehemals guter Freund von ihm nach Syrien gegangen ist, ist er aus der Szene ausgestiegen. Es war ein Lehrer, der ihm sagte, er sei Deutscher und Muslim, er sollte die Brücke zwischen beidem sein. Das ist nun seine Mission. Auf seinem YouTube-Kanal wirbt der junge Mann für Toleranz. Zwang im Glauben will er nicht mehr erleben.

Erschreckend einfach:

So schnell wirst Du radikaler Salafist und Dschihadist

Geschrieben

Die Radikalisierung der heutigen Jugendlichen findet zumeist im Internet statt. Eine Reporterin probierte aus, wie leicht man in den Sog radikaler Islamisten gerät und selbst radikalisiert wird. Zwei Wochen nur ist sie im Online-Gespräch mit Salafisten, die einen echten Jugendlichen in dieser Zeit bereits „umgedreht“ und auf den Weg zum Islamischen Staat gebracht hätten.

Wie im Gefängnis hat er sich gefühlt, wie ein Roboter, der nur ausführt, was er gesagt bekommt. Er war Salafist. Der junge Mann aus Mönchengladbach wuchs in schwierigen Familienverhältnissen auf, wurde introvertiert, traurig. Sein Fachabitur brach er ab, lebte in den Tag hinein, sah keinen Sinn mehr im Leben.

Alles fing mit einem Treffen zwischen der Journalistin und dem ehemaligen Salafisten Dominic Schmitz an. Er erzählte den typischen Werdegang eines Jugendlichen, der auf der Suche nach Antworten in den Sog der radikalen Islamisten geriet und letztendlich für sie Propaganda-Videos produzierte.

Dominic Schmitz, aufgewachsen in schwierigen Verhältnissen in Mönchengladbach, fühlte sich eingeengt und wie in einem Gefängnis. Er wurde traurig, depressiv und introvertiert. Er brach sein Fachabitur ab, und lebte nur noch in den Tag hinein, da er keinen Sinn mehr im Leben sah. Eines Tages jedoch kam er zum muslimischen Glauben, ein Bekannter führte ihn in die Glaubensgemeinschaft ein. Schnell wurde er zu einem Salafisten, lebte den Islam, wie er vor 1.400 Jahren etabliert wurde. Endlich fand er Antworten, auch auf die brennende Frage nach dem Sinn des Lebens.

Der Salafismus bringt „Antworten“ und Strukturen

Denn das ist der gefährliche Part, der Teil, der so viele Jugendliche konvertieren lässt. Denn die jungen Menschen bekommen auf jede Frage eine sich zuerst einmal logisch anhörende Antwort – und können noch nicht unterscheiden zwischen einer logischen und einer sich nur logisch anhörenden Antwort. Viele wollen es auch gar nicht. Hauptsache, sie bekommen eine Antwort.

Eine strikte Tagesstruktur kommt noch hinzu. Fünf mal am Tag beten, Brüder, die sich immer und die Jugendlichen kümmern und sie in die Gemeinschaft aufnehmen. Dominic Schmitz war sehr schnell mitten drin im Salafisten-Geschehen, wurde vom Hassprediger Sven Lau schnell angeleitet, Propaganda-Videos zu drehen und zu veröffentlichen. Erst spät merkt der junge Mann, dass der inmitten einer Hass-Gesellschaft lebt und stieg aus.

Die schnelle Radikalisierung über das Internet

„Salafisten haben im Internet die Deutungshoheit erlangt. Sie prägen die Diskussion. Wenn Jugendliche Fragen zur Religion haben, ist es sehr einfach übers Internet nach Antworten zu suchen. Das Internet ist ein wichtiger Faktor für den Zugang in die Szene.“
Götz Nordbruch von der Beratungsstelle ufuq.de

Angeregt von diesem Gespräch mit Dominic Schmitz wollte die Panorama-3-Journalistin selbst testen, wie schnell man in den Sog von radikalen Salafisten gerät und vielleicht auch für den Dschihad in Syrien als IS-Kämpfer angeworben wird.

Unter falschen Namen erstellte die Reporterin einen Account bei Facebook und folgte schnell der Seite von Salafisten Hass-Prediger Sven Lau,  und der Facebook-Seite „Die wahre Religion“. In ihrem Account gab sie die von Dominic Schmitz empfohlenen Angaben an: 18 Jahre alt und auf der Suche nach Antworten auf brennende Fragen. Zum Beispiel, warum es soviel Krieg und Gewalt auf der Welt gibt. Bereits nach kurzer Zeit wird die Reporterin angeschrieben mit dem Hinweis, das Fragen jederzeit willkommen wären. Tatsächlich bekommt sie jede Frage innerhalb kürzester Zeit beantwortet.

Ihre Chatpartner nehmen sich sehr viel Zeit für die Journalistin, anscheinend müssen sie keiner geregelten Arbeit nachgehen und machen dies hauptberuflich. Dies basiert auf einem Belohnungssystem, wie auch Dominic Schmitz erwähnte. Es sei seine Pflicht gewesen, andere Muslime oder Ungläubige zum – wie er dachte – „wahren Islam“ zu bringen. Die Belohnung dafür folgt im Paradies, nach dem Tod.

Nach einigen Tagen voller Chats mit den „Gehirnwäschern“ der Salafisten-Szene erhält die junge Frau die ersten Anweisungen, da bereits angenommen wurde, dass sie zum Islam konvertierte. Sie habe sich ab sofort zu verhüllen, keine Schminke mehr zu benutzen und keine Musik mehr zu hören. All das ist nun Tabu. Dafür kommen dutzende Freundschaftsanfragen von verhüllten Frauen mit Waffen und vor allem von Männern mit Kalashnikov, die ihr Kämpferimage pflegen wollen.

Als Kämpferin für den Islamischen Staat in Syrien „umgedreht“

Nun ist es an der Zeit, viele Fragen über den Alltag in Syrien zu stellen, die bereitwillig beantwortet werden. Man schreibt, dass die dort einschlagenden Raketen ein Ticket ins Paradies seien. Der Märtyrer-Tod in Syrien ist nicht sinnlos, so der Tenor. Sie bekommt auch Antworten von in Syrien beim IS lebenden Frauen, welche schreiben, dass der Alltag dort wesentlich besser sei als in Deutschland. Man könne seinen Glauben leben, sich um die Kinder kümmern und handfest den Alltag mit gestalten. Ein aus Deutschland stammender Mann schreibt der Journalistin, dass es für jeden Muslim eine Pflicht darstellt, nach Syrien zu kommen und im „heiligen Krieg“ gegen die westlichen Werte zu kämpfen.

Er erklärt ebenfalls, dass sich in den vom Islamischen Staat kontrollierten Gebieten sehr viele deutsche Frauen aufhalten, man müsse sich keine Sorgen machen.

Du kannst es in einem Tag von Deutschland nach Syrien schaffen. Ich erkläre Dir die Route, doch sprich mit niemandem darüber. Hier sind so viele deutsche Frauen. Ich bringe Dich zu ihnen. Vertraue mir.

Der Alltag im Krieg, romantisierend dargestellt

Am Ende des Experiments analysierte der Bielefelder Wissenschaftler Nils Böckler die Chatverläufe. Schockierend ist, wie wahnsinnig schnell man in diese Kreise gerät und radikalisiert wird. Die Freundesliste der jungen Reporterin seien sehr vielfältig und umfassen das gesamte Spektrum des Salafismus, des dschihadistischen Bereichs und der einschlägigen Kontakte nach Syrien zum Islamischen Staat. Hier liegt auch die Gefahr, denn wer einmal radikalisiert ist, schenke den Kontakten in Syrien mehr Glauben als den Berichten in den Medien.

Der Alltag des Islamischen Staats wird romantisiert und verklärt dargestellt. Laut Böcklers Aussage spielt dabei die persönliche Ansprache eine große und wichtige Rolle. Der Rekrutierer funktioniere dabei als eine Bezugsperson. Er vermittelt Sicherheit, interessiert sich für dich und stärkt dir den Rücken. Das vermittelt dem Jugendlichen, der sich für den Islam und den Salafismus interessiert, folgendes:

Ich bin der soziale Beweis, der dir sagt: Du kannst es auch schaffen. Ich habe es auch geschafft.

Es gibt einen Ausweg

Dominic Schmitz hat sich dem Sog des Salafismus entzogen. Ein guter Freund von ihm ging hingegen nach Syrien, er jedoch ist aus der Szene ausgestiegen.

Es war ein Lehrer, der ihm sagte, er sei Deutscher und Muslim, er sollte die Brücke zwischen beidem sein. Das ist nun seine Mission. Auf seinem YouTube-Kanal wirbt der junge Mann für Toleranz. Zwang im Glauben will er nicht mehr erleben.

Salafisten-Prediger Sven Lau festgenommen

Der Generalbundesanwalt hat am 15.12.2015 den Salafisten-Prediger Sven Lau in ‎Mönchengladbach verhaften lassen. Der als Initiator der Wuppertaler „Scharia-Polizei“ bekannt gewordene 35-Jährige soll die Terrororganisation Dschaisch al-Muhadschirin wal-Ansar (Jamwa) in Syrien unterstützt haben.

Quelle: DEMOCRATIC POST

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